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Entstehung und Interpretation der Pestsäule

 

Entstehungsgeschichte

 

Der Beschluss

Im Jahr 1679 wurde von Kaiser Leopold I aufgrund der herrschenden Pestepidemie der Bau der Dreifaltigkeitssäule beschlossen. Als Ort war dafür ursprünglich der ehemaligen Friedhof der Peterskirche in Betracht gezogen worden, relativ rasch jedoch entschied man sich für den heutigen Standort am Graben zwischen den zwei Brunnen. Sie sollte als Mittelpunkt von kirchlich zeremoniellen Handlungen (Fürbitten, Litaneien) ein Ende der Seuche bewirken. Im barocken Denken sind es menschliche Sünden, die die Pest hervorbringen. Es ist die Strafe Gottes, die nur durch den Glauben und durch Gebete abgewendet werden kann. Für viele Menschen bedeutete die Pestsäule in dieser Zeit die einzige Hoffnung.

 

Die hölzerne Säule von Johann Frühwirth

Noch im selben Jahr - die Pest forderte im Laufe des Jahres 1679 immer mehr Opfer und machte den Ruf nach der raschen Errichtung einer Säule laut - wurde vom Bildhauer Johann Frühwirth eine hölzerne Säule errichtet. Er realisierte das Projekt in der in Österreich sehr verbreiteten Darstellung der Heiligen Dreifaltigkeit in Form des Gnadenstuhls mit Gottvater, dem gekreuzigten Christus und dem durch eine Taube verbildlichten Heiligen Geist. Darunter brachte er an der korinthischen Säule die neun Chöre der Engel an und sorgte zudem dafür, dass die Säule auch Nachts Beachtung fand: Mithilfe von Öllampen, die sich hinter Fenstern im Sockel der Säule befanden, konnte das Kunstwerk beleuchtet werden. Als die Arbeiten am 27. Oktober 1679 vollendet waren, erfolgte die Einweihung durch ein besonderes Zeremoniell: Männer in Büßerkleidung trugen die zuvor angefertigten Figuren vom alten Rathaus an der Wipplingerstraße zum Graben und setzten sie an ihrem Platz an der Pestsäule ein. Zwei Tage später erhielt das Monument die Weihen durch den Abt des Schottenklosters.

 

Als im nächsten Jahr die Pest überwunden war, hielt der Augustiner Abraham a Sancta Clara am 17. Juni 1680 seine berühmte Rede "Danck und Denckzahl". Kaiser Leopold I wiederholte sein Versprechen, der Heiligen Dreifaltigkeit ein prachtvolles Denkmal aus Marmor widmen zu wollen und zwei Jahre später machte sich der Bildhauer Matthias Rauchmiller damit ans Werk.

 

Matthias Rauchmiller, Johann Bernhard Fischer von Erlach, Paul Strudel

1682 also erfolgte die Neugestaltung der bereits vorhandenen Säule durch Matthias Rauchmiller. Den notwendigen Marmor organisierte man aus Salzburg. Ein paar Jahre später jedoch schien das Projekt schwer gefährdet, denn noch während der Bauarbeiten verstarb Rauchmiller, zudem zeigten sich auch die großen wirtschaftlichen Schäden, die Wien durch die zweite Türkenbelagerung 1683, erlitten hatte. Mittels Mautabgaben und Opfergeldern suchte man die Fertigstellung der Säule zu finanzieren.

 

In Bernhard Fischer von Erlach fand man 1686 einen fähigen und vor allem unkonventionellen Architekten. Er suchte nach neuen Möglichkeiten, die heilige Dreifaltigkeit darzustellen. Der Podest sollte nicht einfach nur Standfläche der Engel, sondern ein selbstständiges mit zwölf Reliefs versehenes Element des Kunstwerks sein.

An seiner Seite stand der Baumeister und kaiserliche Theateringenieur Lodovico Burnacini, auf den die Idee der dreiseitigen Wolkenpyramide zurück geht, sowie der Bildhauer Paul Strudel, der besonders für die Figurengruppe "Der Glaube besiegt die Pest" an der Säule bekannt wurde.

 

Im Jahr 1694 waren die Arbeiten an der Pestsäule vollendet.

 

 

 

Das Kunstwerk

 

Material

Nur der Kern der Pestsäule besteht aus Ziegel. Für den Rest (mit Ausnahme des betenden Kaisers, der aus kristallinem Laaser Marmor aus Südtirol angefertigt wurde) verwendete man Untersberger Forellenmarmor aus Salzburg.

 

Motive

Die Idee der ikonographischen Umsetzung stammt von Franciscus Menegatti, dem Beichtvater Kaiser Leopold I. Dank ihm finden sich zahlreiche Andeutungen auf Motive der Bibel sowohl aus Altem als auch aus Neuem Testament. Das Grundgerüst bildet eine dreiseitige Pyramide, an deren Spitze die Heilige Dreifaltigkeit schwebt. Sie steht als Sinnbild für das Wachsen zu Gott. Darunter finden sich am oberen Teil eines Reliefs die Himmelskugel mit Tierkreis und Gestirnen, die Erdkugel mit den vier Winden, das Lamm Gottes mit der Osterfahne, ein Cherubim mit Kelch, die Hand Gottes mit Gesetzestafeln und ein geflügeltes flammendes Herz. Der untere Reliefabschnitt zeigt Schöpfung, Pest, Passahfest, das Letzte Abendmahl, die Sintflut und das Pfingstwunder.

An jedem Eck der dreiseitgen Pyramide halten Engel Gott Schriftrollen, die in lateinischer Sprache ein Bitt-, ein Lob- und ein Dankgebet enthalten. Es sind dies die neun Chöre der Engel, die verschiedene Embleme wie Szepter, Krone, Posaune und Fackel tragen.

 

Unter dem betenden Kaiser Leopold finden wir den Hinweis, wie nach damaliger Auffassung die Pest allein zu besiegen wäre: Der Glaube, dargestellt durch ein engelhaftes Wesen mit dem Kreuz in der Hand, besiegt den schwarzen Tod, ein Monster mit wirren Haaren und ausgetrockneten Brüsten.

 

Ein weltliches Motive zeigt die Wappen Österreichs, Ungarns und Böhmens mit der zentralen Statue des im Gebet versunkenen Kaiser Leopold I.

 

Einen großen Anteil am Kunstwerk hat der Bildhauer Peter Strudel. Er erschuf die Gruppe "Sieg des Glaubens über die Pest" ebenso wie die Figur des knienden Kaisers.

 

 

Die Zahl Drei

Alle Figuren, Wappen und Inschriften stehen in enger Verbindung mit dem Grundmotiv der Heiligen Dreifaltigkeit. An der Säule selbst lässt sich eine Struktur dreier Ebenen festmachen: die Ebene des Menschen unter anderem Vertreten durch den betenden Kaiser Leopold I, die Ebene der Engel und die Ebene Gottes. Zwölf Reliefs folgen dieser Trinität: Zwei mal drei davon stellen den strafenden und den gnadenvollen Gott dar, die anderen in ebensolchen Dreiergruppen sind mit Emblemen angebracht. Auch das weltliche Motiv der Wappen Österreichs, Ungarns und Böhmens folgt dieser Dreiheit.

 

Am 29. Oktober 1693 wurde die Pestsäule feierlich eingeweiht und wurde bald zum Vorbild vieler Dreifaltigkeitssäulen in den ehemaligen habsburgischen Ländern.